Fehlerquelle Notaufnahme

Viele Behandlungsfehler finden ihren Ursprung im ersten Arzt-Patienten-Kontakt in der Notaufnahme – oder werden durch eine falsche Verdachtsdiagnose schon dort angelegt.

Plötzlich auftretende gesundheitliche Beschwerden am Abend, in der Nacht, aber auch an Sonn- und Feiertagen lassen den Erkrankten kaum eine andere Wahl: die Notaufnahme (oder Notfall-Ambulanz) des nächstgelegenen Krankenhauses muss aufgesucht werden. Hier begeben sich pro Jahr etwa 20 Millionen Patienten in die Obhut der Ärzte. Für diese ist es besonders schwierig, nach einer kurzen Untersuchung schon die richtige Diagnose zu finden; es gilt, den echten medizinischen Notfall wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolie, von den leichteren, nicht bedrohlichen Erkrankungen zu unterscheiden.

„Bereits an dieser ersten Station der Krankenhausbehandlung passieren erstaunlich häufig folgenreiche und z. T. katastrophale Fehler“, berichtet der Fachanwalt für Medizinrecht Jörg Holzmeier aus seiner Praxis: „Ich hatte Mandanten, deren Herzinfarkt mit klassischen Symptomen von den Ärzten in der Notaufnahme nicht diagnostiziert wurde. Oder Anzeichen eines ersten leichten Schlaganfalles wurden verkannt und es erfolgte ein zweiter sehr schwerer Hirninfarkt. Da hatten die vielen Fälle unentdeckter Knochenbrüche noch die geringsten Folgen.“

Hohe Fehlerquote

Nach Experteneinschätzung liegt die hohe Fehlerquote in der Ausbildung der jungen Ärzte, in der Krankenhausorganisation mit langen, im Extremfall bis zu 36 Stunden dauernden Diensten und in der pauschalen Bezahlung einer Notfallbehandlung mit nur 30,- € durch die Krankenkassen begründet. Rechtsanwalt Jörg Holzmeier: „Der innere und äußere Zeitdruck bei der Notfallbehandlung kommt als Fehlerquelle noch hinzu“. Ein Berliner Notarzt sieht die Ursache vieler solcher Behandlungsfehler in der Notaufnahme in einem gravierenden Qualitätsdefizit; Im Bereich der Ausbildung von Notfallmedizinern ist seiner Meinung nach Deutschland ein Entwicklungsland. Diese Einschätzung spiegelt sich tatsächlich auch in den Facharzt- und Weiterbildungsordnungen wider: es gibt über 50 Facharztgruppen, darunter findet sich aber kein Facharzt für Notfallmedizin. Auch andere engagierte Notfallärzte beklagen, dass zu häufig unerfahrene Assistenzärzte in der Notaufnahme ihre Dienste schieben müssen. Folge ist dann eine erhebliche Patientengefährdung.

Organisationsfehler

Rechtlich sind Fehler in der Notaufnahme zumeist als Organisationsverschulden einzuordnen, z. B. wenn die Hinzuziehung der erforderlichen Fachärzte mangels ausreichender Personaldecke zu lange dauert. Bei Schlaganfällen wird ein solches Organisationsversagen besonders deutlich: hier sind kurze Untersuchungszeiten mit unverzüglichem Therapiebeginn von existenzieller Bedeutung („time is brain“). Die einschlägigen Behandlungsleitlinien schreiben für die wirksame Lysetherapie die Einhaltung eines Zeitfensters von drei bis vier Stunden ab den ersten Symptomen vor. Aber auch bei Gefäßverschlüssen in anderen Körperregionen ist schnelles und gezieltes Eingreifen vonnöten, etwa um einen Fuß oder gar das ganze Bein zu retten.

Übernahmeverschulden

Behandelt ein fachlich nicht geeigneter Arzt einen Patienten, sprechen Juristen vom sogenannten Übernahmeverschulden. Erkennt z. B. ein Assistenzarzt aus der Orthopädie, dass der Notfallpatient an einem gravierenden inneren Leiden akut erkrankt ist, muss er die internistischen Fachkollegen hinzuholen, bevor er weitreichende Therapieentscheidungen trifft.

Befunderhebungsfehler

Notfallbehandlungen erfordern bei der Einordnung von Symptomen in Krankheitsbilder eine spezifische Erfahrung. Viele Symptome lassen sich aber nicht auf Anhieb einer bestimmten Krankheit zuordnen. Deshalb beginnen Notfallbehandlungen häufig mit einer Verdachtsdiagnose. Dieser Verdacht muss durch nachfolgende Untersuchungen (Diagnostik) erhärtet oder verworfen werden, damit die geeignete Therapie zielgerichtet angewendet werden kann. Erforderliche Untersuchungen können Röntgen-, CT- oder MRT-Befunde, aber auch einfache Tast- oder Abhorch-Befunde ergeben. Als Beispiel berichtet der Patientenanwalt Jörg Holzmeier über einen Mandanten, der an einem Darmverschluss litt: „Verdachtsdiagnose des Krankenhauses war eine Lebensmittelvergiftung. Der Stationsarzt ließ zwar Laboruntersuchungen durchführen, schaute den zunehmend schwächer werdenden Patienten aber nicht persönlich an. Hätte er ihn mal abgetastet und abgehorcht, hätte er hochgestellte Darmgeräusche und einen zum Bersten aufgeblähten Bauch entdeckt. Das hätte ihn wohl veranlasst, einen CT-Befund zu erheben. Spätestens dann wäre der Darmverschluss entdeckt und behandelt worden. Stattdessen sind fehlerbedingt mehrere Tage nutzlos verstrichen und mein Mandant konnte nur durch eine Notoperation, bei der ein langes Stück abgestorbenen Darms entfernt wurde, gerettet werden.“

Der Befunderhebungsfehler hat einen juristischen Vorteil: er führt zu Beweiserleichterungen bis hin zur Beweislastumkehr. Dann muss nicht mehr der Patient den Nachweis eines Fehlers und dessen Ursächlichkeit für den Gesundheitsschaden erbringen. Die für Schadensersatz und Schmerzensgeld notwendigen rechtlichen Voraussetzungen werden vielmehr zugunsten des geschädigten Patienten vermutet. Nun müssen die betroffenen Ärzte und Krankenhäuser ihrerseits den Beweis erbringen, dass der Patient auch bei fehlerfreier Behandlung geschädigt worden wäre.

Richtiges Patientenverhalten

Treten zu Hause oder unterwegs plötzlich erhebliche gesundheitliche Probleme auf, sollten die Betroffenen und ihre Angehörigen nicht zu lange warten. Sind die Symptome in Art und Ausmaß neu und lassen nicht nach kürzester Zeit nach, sollte sofort der Rettungsdienst über die 112 gerufen werden. Häufig befürchten Betroffene, die Kosten des Einsatzes selbst zahlen zu müssen, wenn die akuten Beschwerden später einer harmlosen Erkrankung zugeordnet werden. Der medizinische Laie kann jedoch für plötzlich auftretende Beschwerden selbst keine gesicherte medizinische Erklärung finden. Die Entscheidung, ob tatsächlich ein Notfall oder nur eine vorübergehende Gesundheitsstörung vorliegt, muss den Rettungssanitätern und Notärzten vorbehalten bleiben.

Die „Selbsteinweisung“ zur Notaufnahme kann ebenfalls fatale Folgen für die akut Erkrankten haben. Es hat sich schon häufig gezeigt, dass ein Notfall von der Krankenhausambulanz gar nicht als solcher eingestuft wird; lange Wartezeiten sind dann keine Seltenheit. Dabei kann wertvolle Zeit verstreichen, die schon für erste Notfallbehandlungen wertvoll gewesen wäre. Es ist ebenfalls schon vorgekommen, dass das medizinische Personal in der Krankenhausaufnahme die Betroffenen ohne ärztliche Beurteilung an ein anderes Krankenhaus weiterverwiesen hat, weil eine Fachabteilung für die vom Erkrankten angegebene Krankheit in ihrem Haus nicht existierte. Es wurden die Symptome  Übelkeit und Sodbrennen auf eine Magenerkrankung zurückgeführt („Magenverstimmung“). Tatsächlich kündigte sich dadurch bei dem Patienten ein Herzinfarkt an. Die lebenswichtige Notfallbehandlung blieb aus und der Patient verstarb auf dem Weg zum zweiten Krankenhaus.

Nur der Kranke selbst weiß, wie gravierend die akute Gesundheitsstörung für ihn ist. Gehen Ärzte und Pfleger auf seine Symptomangaben nicht oder nur sehr zögerlich ein oder werden gar Verschlimmerungen ignoriert, müssen die Kranken und ihre Angehörigen mit Nachdruck auf sich aufmerksam machen. Hilft alles nichts, kann sich jeder Patient selbst entlassen und (ggf. mit Hilfe des telefonisch informierten Hausarztes) die Weiterbehandlung in einem anderen Krankenhaus einleiten.