Zahl der Behandlungsfehler hat in 2015 weiter zugenommen

Der MDS - der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen - hat alle den gesetzlichen Krankenversicherungen in 2015 gemeldeten Behandlungsrügen ausgewertet. Danach meldeten 14.828 gesetzlich versicherte Patienten einen Verdacht auf fehlerhafte Behandlungen; nach Überprüfung bestätigten die Medizinischen Dienste in 4.046 Fällen einen Behandlungsfehler.

 

Die vom MDS mitgeteilten Zahlen geben nicht alle tatsächlichen Behandlungsfehler in Deutschland wieder, sondern beinhalten nur einen Ausschnitt. Hier schlagen nur die Fälle zu Buche, bei denen sich die Patienten Hilfe suchend an ihre Krankenkasse gewandt haben. Insgesamt dürften Ärzten und Krankenhäusern jährlich deutlich über 700.000 vermeidbare Behandlungsfehler unterlaufen.

 

MDK-Gutachten

Die Kassen sind seit Ende Februar 2013 gesetzlich verpflichtet, ihre Versicherten bei einem Verdacht auf Behandlungsfehler zu unterstützen. Dazu greifen sie auf ihre regionalen Medizinischen Dienste (MDK) zurück. Spezielle Gutachterteams prüfen dann die Vorwürfe von Behandlungsfehlern und ziehen nicht selten auch spezialisierte Fachärzte hinzu. Die Gutachter gehen dabei unvoreingenommen der Frage nach, ob die Behandlung nach dem anerkannten medizinischen Standard abgelaufen ist. Bestätigt sich ein Behandlungsfehler, wird außerdem geprüft, ob der Schaden, den der Patient erlitten hat, durch den Fehler verursacht worden ist. Nur dann sind Schmerzensgeld- und Schadensersatzforderungen aussichtsreich. Auf der Basis des MDK-Gutachtens kann der geschädigte Patient selbst entscheiden, welche weiteren Schritte er unternimmt.

 

Optimales Vorgehen

„Es empfiehlt sich, schon während der Überprüfungen durch die Medizinischen Dienste spezialisierte anwaltliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen“, rät der Fachanwalt für Medizinrecht Jörg Holzmeier. Denn die Behandlungsunterlagen des Krankenhauses oder des Arztes sollte nicht die Krankenkasse, sondern der Patient selbst anfordern. „Es ist nämlich ratsam, dass die Behandler zunächst einmal keine Kenntnis von einer gutachtlichen Überprüfung ihrer Behandlungen bekommen. Wissen sie aber über die Krankenkasse davon, verlangen die Haftpflichtversicherer der Ärzte immer die Vorlage der MDK-Gutachten. Der Patient muss aber uneingeschränkt selbst entscheiden können, welche Gutachten oder ärztlichen Beurteilungen er seinen Gegnern zur Verfügung stellen will und welche nicht“ erläutert der Fachanwalt. Die beim Patienten liegenden Behandlungsunterlagen stellt der Anwalt selbstverständlich den Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst zur Begutachtung zur Verfügung. Während der medizinischen Überprüfung kann er die Patientenakte zeitgleich schon einmal rechtlich überprüfen. Dabei ergeben sich häufig auch weitere Ansatzpunkte für ein ärztliches Verschulden, z. B. Aufklärungsfehler, Fehler zu Lasten des Patienten bei voll beherrschbaren Risiken, Organisations- oder Übernahmefehler.

 

Behandlungsfehler

Die meisten ärztlichen Fehler kommen im Rahmen von Operationen vor. Dabei stehen Eingriffe der Fachrichtungen Orthopädie und Unfallchirurgie einerseits und der Allgemein- und Viszeralchirurgie andererseits deutlich im Vordergrund (32 % bzw. 11 %). Bei den Behandlungen durch niedergelassene Ärzte sind inzwischen auch die Zahnmediziner vermehrt in den Fokus der Medizinischen Dienste geraten: 387 Mal (also in mehr als einem Drittel der am häufigsten gerügten Behandlungen) wurden Fehler im zahnmedizinischen Fachbereich bestätigt.

 

Ratschläge an betroffene Patienten

Die Dunkelziffer der Behandlungsfehler liegt sicherlich deutlich höher. Patienten, deren Behandlung zu einem Gesundheitsschaden geführt hat, sollten nicht zögern, fachkundig überprüfen zu lassen, ob ein Behandlungsfehler als Ursache in Frage kommt. Für die rechtliche Beurteilung sind Fachanwälte für Medizinrecht, die im Arzthaftungsrecht spezialisiert sind, die erste Adresse. Zur medizinischen Überprüfung sollten sich gesetzlich krankenversicherte Patienten an ihre Krankenkasse und Privatversicherte an ihren Versicherer wenden. Aber auch die Gutachterkommissionen bei den Ärztekammern bieten eine fachärztliche Beurteilung an. Im Übrigen kann sich jeder Patient auch an private Gutachter wenden; die Kosten eines solchen Privatgutachtens müssen aber zunächst selbst aufgebracht werden.

Bei einem Verdacht auf Behandlungsfehler sollten Betroffene nicht zu lange mit einer Überprüfung und ggf. rechtlich solide begründeten Ersatzforderungen warten. Denn die Patientenansprüche verjähren innerhalb von drei Jahren.